Altweibersommer auf Italienisch

09.02.2013 - von Jan Lehmann - 


Es ist Ende September und trotz der Tatsache, dass der Sommer seinen letzten Atem noch nicht ausgehaucht hat, steht das Unausweichliche vor der Tür.

Der Herbst hält Einzug und  ihm folgt unausweichlich ein sehr zäher und hartnäckiger Bekannter, der Winter.

Und genau deshalb liebe ich den Herbst so sehr und versuche ihn bis auf‘s Letzte auszukosten. Sowohl in der Heimat als auch im benachbarten Italien heißt es demnach nochmal ordentlich Gas geben. Somit stand auch dieses Jahr wieder fest, dass es in den Monaten Oktober und November zwei Mal an der großen Fluss gehen sollte.

Zu Ersten Tour starteten Marco und ich in Begleitung unserer Freunde Jens und Marcus, Ende September.

Marcus war, was das Gewässer sowie den zu beangelnden Abschnitt angeht, noch etwas unerfahren und deshalb stand ihm Jens zur Seite, der bereits im März dieses Jahres seine ersten Erfahrungen am „Männerwasser“ machen konnte. Nichts desto Trotz ist Marcus ein sehr fähiger Angler, der es weiß, neue Situationen schnell zu deuten und anglerisch umzusetzen, sodass hier ein super Team die Woche gemeinsam bestreiten konnte.

Marco und ich griffen den Beiden nur soweit unter die Arme, dass wir ihnen entsprechende Stellen zeigten und Hinweise gaben, wie diese zu befischen sind!

Wir beide bildeten wie immer ein Team und hatten für diese Woche auch ein paar für uns neue Stellen auf dem Plan.

Wie so oft verzögerte sich auch diesmal alles nach hinten und bis Marco und ich unsere Stelle für die erste Nacht ansteuerten, war es bereits 16 Uhr.

Jedoch hatten wir nicht so einen enormen Zeitdruck da wir köderfischtechnisch bereits vorgesorgt hatten. Die Feederruten landeten trotzdem im Wasser, da mir ein im Gewässer heimischer Weißfisch als Köder immer lieber ist, als ein mitgebrachter Giebel bzw. eine Karausche.

Nicht ganz unglücklich über die fischlose erste Nacht, wachten wir am nächsten Morgen bei herrlichem Wetter auf. Da die knapp 1000 km lange Fahrt mit Boot im Schlepptau immer ordentlich an der Substanz nagt, tat es gut, eine Nacht durch zu schlafen und nun voller Elan zu starten.

Für die kommenden 24 Stunden war etwas Regen angesagt, was uns auf einen leichten Wasseranstieg hoffen lies, der hoffentlich dem ein oder anderen Walli etwas Leben einhauchte. Besonders im Herbst ist es meiner Erfahrung nach sehr oft der Fall, dass die Fische bereits nach ein oder zwei Anstiegen so zugelangt haben, dass sie die Folgezeit eher inaktiv sind. Draus ergeben sich dann zwei Schlussfolgerungen was unsere Angelei betrifft. Entweder wir suchen die Fische im Bereich Ihrer Unterstände und hoffen mit unserem Köder den nötigen Impuls zum Biss setzten zu können oder aber wir nutzen kurze Phasen in denen sich die Bedingungen positiv für uns verändern, wie der von mir beschriebene kleinere Wasseranstieg, um den dadurch aktiv werdenden Teil der Fische zu beangeln.

Da es in unserem Fall ca. 48 Stunden dauert, bis Regenfälle in Norditalien den Pegel des Po in unserer Region anschwellen lassen, war für die nächste Nacht ein Platz angebracht der sowohl bei normalem Wasserstand wie jetzt als auch bei einem Anstieg von max. 50 cm, wie ich ihn erwartete, sinnvoll war. Diesen Platz fanden wir in Form einer großen Sandbank, welche jedoch vom Fluss durch einen 30 Meter breiten Graben hinterspült wurde. Die Sandbank war jedoch so massiv, dass die Hauptströmung vor ihr in Richtung Flussmitte auswich und am Ende der Sandbank, wie bei einem Buhnenkopf, eine riesige Kehrströmung erzeugte.

Genau an dieses Ende wollten wir uns setzten und hatten die Hoffnung, dass in der großen Kehrströmung sowohl Weißfische als auch Waller ihre Nahrung suchten. Wir verteilten alle Ruten an den Abbruchkanten der Sandbank zur Kehrströmung hin und am vor uns liegenden Naturufer. Mittlerweile hatte es begonnen zu regnen und die Nacht fiel über uns herein. Jedoch blieben die Köder vorerst unberührt und wir legten uns gegen Mitternacht hin. Kurz vor dem Morgengrauen dann auf einmal der Einschlag. Eine an der Abbruchkante der Sandbank mittels Bambusstock angebundene Rute verneigte sich unter dem Zug eines guten Fisches. Ich nahm die Rute auf und erwiderte den heftigen Biss mit einem satten Anhieb. Da hier kaum Strömung herrschte, war ein Drill vom Ufer aus kein Problem. So ließ sich der Fisch unter starker Gegenwehr bis vor unsere Füße dirigieren, wo er dann mit einem beherzten Griff ins Maul gelandet wurde. Mit 1,76 Meter nicht der größte, aber der Erste unserer Session und zu dem auch noch ein guter Kämpfer. Die Rute wurde schnell wieder samt neuem Köder an den Platz gefahren und wir verkrochen uns wieder in unseren Schlafsäcken. Mittlerweile war es hell geworden, aber der Regen prasselte noch auf uns ein als genau dieselbe Rute wieder nach vorne marschierte und nach dem Abriss der Reißleine in kerzengerader Position verharrte. Marco eilte zur Rute und holte Schnur ein um Kontakt aufzunehmen. Aber der Fisch war schon weg. Fehlbiss - so ein Mist!!!

Leider kam in dieser Nacht bis auf diese beiden Bisse, auf ein- und selbe Rute nichts weiter. Also packten wir nach dem Frühstück alles ins große Boot um den nächsten Platz anzusteuern.

Mittlerweile hatte es aufgehört zu regnen und wir rechneten im Verlauf der nächsten 36 bis 48 Stunden mit einem Anstieg. Also wollten wir die kommenden zwei Nächte noch an einem Naturufer fischen, das mir bereits im letzten Jahr mit einem Freund einen Fisch von 2,29 Meter bescherte, bevor wir in den darauffolgenden Nächten einen Platz ansteuern wollten, der sich bei steigendem Pegel bereits bewährt hatte.

Das Naturufer war schnell erreicht und so begannen wir in aller Frühe damit, die Ruten auszulegen. Stromauf befand sich ein umgekippter Baum im Wasser vor den wir eine U-Posenmontage platzierten, welche am Baum umgelenkt wurde. Beim Anbringen des Auslegers erblickte ich auf dem Echolot eine riesige Sichel. Jedoch war das Wasser hier nur knapp über drei Meter tief und von daher schloss ich auf einen Fisch mit ca. 1,50 Meter Körperlänge. Dieser schien jedoch unter diesem besagten Baum seinen Unterstand gefunden zu haben und war ganz neugierig über das, was da über ihm passierte. Er verließ den Echolotkegel nämlich nicht sondern schwamm bis ca. 1m unter mein Boot. Sicherlich um zu schauen, wer es denn da wagt sein „Wohnzimmer“ zu betreten. Ich bin jedes Mal aufs Neue fasziniert von der Neugier und Furchtlosigkeit dieser Fische und saß ohne ein Geräusch von mir zu geben vor dem Echolot und beobachtete den Kollegen unter mir. Irgendwann war es ihm dann wohl doch zu langweilig und er verschwand aus dem Kegel vermutlich wieder unter den Baum. Ich dachte mir diese Nacht lassen wir dich mal noch in Ruhe und platzieren den Köder mit etwas Abstand zum Baum. Sollte der Fisch jedoch auf Beutezug gehen dann stößt er mit hoher Wahrscheinlichkeit auf unseren Köder. Würde dies nicht sattfinden dann wollten wir ihm den Köder in der darauffolgenden Nacht unmittelbar vor sein Maul setzen. Dies war auch ein guter Versuch um herauszufinden in wie weit die Welse gerade aktiv waren.

Und als hätte ich es gewusst ließ der Bursche den Köder in der Nacht tatsächlich unbeachtet und verharrte vermutlich regungslos unter seinem Baum. Nur auf eine der stromab gelegten Ruten kam ein Fisch von ca. 1,50 Meter.

Jedoch wollten wir noch eine weitere Nacht an diesem Platz verbringen da sich hier bereits bei vergangenen Sessions herausstellte, dass die Fische hier nicht täglich entlang ziehen und somit die zweite Nacht durchaus eine gewichtige Überraschung bringen kann.

Die Zeit über den Tag verbrachten wir mit Feedern, was hier immer erstaunlich gut läuft sowie dem Erkunden neuer Plätze mit dem Schlauchboot.

Am Abend fuhren wir die Ruten erneut heraus und diesmal landete der Köder mit einer Posenmontage unmittelbar vor dem umgestürzten Baum. Und was soll ich sagen! Es dauerte keine drei Stunden und unser darunter hausender Kollege konnte nicht mehr wiederstehen und packte sich den Köder. Und wie schon am Echo des Fisches vermutet, hatte auch dieser Fisch ca. 1,50 Meter. Auch für diese Nacht war das die einzige Aktivität. Aber was schlechte Fangausbeuten angeht, bin ich in diesem Jahr so einiges gewohnt und leider vom letzten Jahr auch sehr verwöhnt. Leider kenne ich diese Berg- und Talfahrt bereits aus meinen Jahren der Karpfenangelei und habe nie eine wirkliche Erklärung dafür gefunden. Zwei Dinge jedoch trösten mich immer wieder darüber hinweg. Zum einen haben mir viele angelnde Kollegen bestätigt, dass es Ihnen über die Jahre gesehen genau so ging und zweitens kommt nach der Talfahrt immer wieder der Anstieg und das Bergfest. Und genau das verliere ich voller Zuversicht in mein Tun und Handeln nie aus den Augen!

Und somit wurde wieder voller Elan alles im großen Boot verstaut und wir machten uns auf die Suche nach dem nächsten Platz. Mittlerweile hatte der Pegel des Flusses seit dem Morgen begonnen zu steigen. Zwar nur langsam aber konstant.

Zumindest darin sollte ich Recht behalten und somit steuerten wir eine große hinterspülte Insel mit dahinter befindlicher Sandbank an, welche langsam vom Wasser überspült wurde. Hier konnten wir unsere Ruten sowohl am stark verholzten Naturufer mit sachter Strömung als auch an der Abbruchkante der Sandbank platzieren.

Da wir hier einen sehr großen Platz mit einer Vielzahl an Spots vor uns hatten, entschlossen wir uns auch die Geselligkeit nicht zu kurz kommen zu lassen und die Nacht gemeinsam mit Jens und Marcus zu fischen.

Die Ruten waren schnell platziert und wir machten uns auf die Suche nach Feuerholz. Es geht doch nichts über ein kleines Lagerfeuer in geselliger Runde auf der Sandbank.

Doch wie das eben so ist wenn man gerade mit einem erfrischenden Getränk in der Hand voll im Gespräch vertieft ist, läutet die Glocke. Also Beine in die Hand genommen und zur Rute gesprintet. Anschlag und dann beginnt das große Laufen. Die Rute lag nämlich an der Abbruchkante der großen überspülten Sandbank und da ich den Fisch nicht durch 20 - 40 Zentimeter tiefes Wasser schleifen wollte, lief ich ihm entgegen. Ganze 250 Meter!!!

Dort angekommen, wehrte sich am Ende der Schnur ein etwa 1,50 Zentimeter langer Walli. Was ist nur diesmal los. Dies scheint eine Größe zu sein, die uns die gesamte Session über verfolgt.

Sei es Drum, Fisch ist Fisch!

Also die Rute wieder neu ausgebracht und zurück ans Feuer. Eine Stunde später kam dann der nächste Biss auf genau die selbe Rute. Diesmal ließen wir Jensi den Fisch drillen, da er bisher noch nicht allzu viel Fischkontakt hatte. Er stapfte schnurstracks gemeinsam mit Marco dem Fisch entgegen und nach etwa 10 Minuten kamen sie mit einem Fisch von (na was denkt ihr wohl???) knapp 1,50 Meter zurück. Aber Jensi freute sich riesig über den Fang und somit war doch das Ziel für diesen Abend erreicht! Die geselligen Stunden am Feuer verflogen und irgendwann verkrochen wir uns alle in unseren Schlafsäcken.

Der nächste Morgen brachte wieder herrliches Wetter und wir entschieden uns für zwei unterschiedliche Plätze für die nun letzte Nacht. Gemeinsam mit Jensi und Marcus fuhren wir den ersten Platz an und ich erklärte den beiden kurz die interessanten Bereiche an dieser Stelle und worauf hier zu achten ist. Marco und ich fuhren noch einen guten Kilometer weiter um eine noch jungfräuliche Stelle zu befischen. Hier traf ein tiefes Naturufer mit viel Holz auf eine große Sandbank wodurch die anfänglich starke Strömung ausgebremst wurde. Wir platzierten uns direkt hinter den im Wasser liegenden Bäumen wo die Strömung begann der noch gut 400m entfernt liegenden Sandbank auszuweichen und sich somit verlangsamte.

Mit der Feederrute ergatterten wir noch einige Barben um neben unseren Giebeln und Brassen auch diesen Fisch im stromauf liegenden Bereich mit härterer Strömung zu platzieren.

Gegen Einbruch der Dämmerung verneigte sich dann plötzlich ohne jede Vorankündigung genau diese Rute und Marco sprang ins Boot um den Anschlag zu setzten. Doch als wäre nichts gewesen, teilte er mit der nach hinten gerissenen Rute die Luft und schlug voll ins Leere.  Manchmal ist es einfach zum verzweifeln und zu allem Übel blieb dies auch die einzige Aktion dieser Nacht.

Marcus und Jensi jedoch saßen auf einem regelrechten Hotspot. Innerhalb der ersten Nachthälfte kassierten sie ganze 6 Bisse auf ein und dieselbe Rute. Jedoch entpuppten sich zwei davon als Fehlbisse, zwei sehr gute Fische gingen im Drill verloren und ein kleinerer sowie ein mittlerer fanden den Weg ans Ufer.

Zügig packten wir am letzten Morgen alles zusammen und fuhren gemeinsam zur Slipanlage.

Der Rest war wie immer Routine und so fanden wir uns am frühen Nachmittag zum Abschlussessen in einer Pizzeria im Ort ein!

Wie so oft verrinnt die Zeit rückblickend viel zu schnell und am Ende einer solchen Session sind viel Optionen noch nicht ausgeschöpft und man hat noch einen Sack voller Ideen um noch an den einen oder anderen Waller heran zu kommen. Für mich war der Abschied von heiß geliebten Grande Fiume jedoch nicht schwer, da ich bereits in drei Wochen gemeinsam mit Carsten erneut den Fluss unsicher machen wollte. Den Großteil meines Tackles samt Haupt- und Beiboot ließ ich daher bei meinem Freund Maicol zurück, der in unmittelbarer Flussnähe ein Grundstück besitzt. Dies erleichterte auch die Heimreise ein wenig, da ich nicht wie sonst üblich, das Boot über knapp eintausend Kilometer im Schlepptau hatte.

Die großen Burschen fehlten zwar diesmal gänzlich aber so ist das nun manchmal und um so mehr freut es einen wenn es dann in Zukunft mal wieder so richtig rappelt.

In diesem Sinne...Bis zum Biss…Der Jan